Public Housing in Vienna 1980- 2024

Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten

Symposium IUAV Venedig:

Challenging (Social) Housing in Europe, Cities Talks Amsterdam, Berlin, Hamburg, Wien

 

 

Im Wien gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde eine nicht unbedeutende Anzahl von innovativen und anspruchsvollen Wohnbauten errichtet, das Buch zur Ausstellung „Neuer Wiener Wohnbau“ von 1986 dokumentiert die wesentlichen Ergebnisse. Es gibt darunter einige Projekte, welche einen maßgeblichen Einfluss auf unsere Arbeit ausgeübt haben.

 

1. Typologien: der Laubengang

 

Zum Beispiel die Weigelgasse - ein Projekt von Wilhelm Holzbauer, fertiggestellt 1980 - entstanden in dem staatlichen, damals für die österreichische Architektenschaft hochrelevanten Wettbewerbsformat "Wohnen morgen“, in dem es dezidiert um neue, experimentelle Wohnformen ging - ein Programm, das wir uns für den heutigen Wohnungsbau wieder sehr zurückwünschen.

 

Holzbauer verwendet bei diesem Projekt erstmals dezidiert eine in Wien des 20. Jahrhunderts nicht mehr gebräuchliche Art der Erschliessung, den Laubengang, von dem aus eine grössere Anzahl von Wohnungen erreicht wird.  Der Laubengang ist eine Typologie, die im Biedermeier in Wien üblich war - angewendet damals allerdings in den Innenhofbereichen.

 

Theophil Hansen hat beim "Rudolfshof" im Ringstrassenviertel errichtet 1871 dazu eine fast modern anmutende nobilitierte Fassung eines solchen Laubenganghauses mit zentraler Erschliessung geschaffen - gleichzeitig ein frühes Beispiel eines sozialen Wohnungsbaus (Beamtenwohnungen des Kaiserreichs).

 

2. Architektur und Politik

 

Für tatsächlich bedeutende Schübe in der Architekturproduktion können jedoch nur Szenarien sorgen, wo eine bereits hochgradig "aufgeladene" Architektenszene, wie das in den 1980-er Jahren in Wien (und auch in der Steiermark) der Fall war, auf ein sensibiliertes Gegenüber bei den politischen Entscheidungsträgern trifft. Wie das zu Beginn durch Erhard Busek / Jörg Mauthe und wenig später durch Helmut Zilk / Hannes Swoboda erfolgt ist, auch als Reaktion auf die international viel beachtete Vorgangsweise und die teilweise spektakulären Ergebnisse der zuvor veranstalteten IBA Berlin (1987, nach Senatsbeschluss 1978) - eine Bauausstellung, welche sowohl den Neubau mit internationaler Beteiligung auf teilweise höchstem Niveau, als auch die Thematik der Stadterneuerung im Bestand erstmals grossflächig demonstrierte.

 

3. Typologien: flächige Bebauungsmuster

 

Daraus resultiert dann zum Beispiel die direkte Beauftragung von Architekten zur Bebauung der Traviatagasse im Südwesten von Wien am Rand eines Industriegebiets, wo aufgrund des disparaten Umfelds als auch einer archetypischen Zugangsweise zur Anlage im Inneren ein erratisches Karree mit ungewönlichen Bebauungstypologien unter anderem und prototypisch vor allem durch die Architekten Carl Pruscha und Raimund Abraham 1991 entstand.

 

Kurz danach, 1992, wurde am nordöstlichen Stadtrand der Pilotenweg realisiert, der Wiener Architekt Adolf Krischanitz hatte dazu den deutschen Architekten Otto Steidle und Jaques Herzog & Pierre de Meuron aus der Schweiz eingeladen.  Hier entstand eine Anlage welche eine Zentralität ohne tatsächlich vorhandenes Zentrum vermittelt (der Querschnitt einer Zwiebel wurde als Referenz verwendet), gedacht ohne dezidierte private Gartenabtrennungen, mit Ausnahme der Zeile von Herzog & De Meuron, wo die Anlage der Häuser die Privatheit gewährleistet.

 

Die einhellige Meinung zur Bebauungsdichte in den dezentralen Bezirken der Stadt war in den 80-er und beginnenden 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts bei maximal 1,5 als vertretbar empfunden. Die Dichte der damaligen Bebauung hat sich seit damals auch in den Randbereichen um ein Vielfaches erhöht, wie man später sehen wird.

 

Aus unserer Sicht wäre auch noch der 1991 fertiggestellte Wohnbau von Franz-Eberhard Kneissl an der südöstlichen Stadtgrenze in Simmering zu erwähnen, eine neuartige Bebauungstypologie, welche im Modernismus begründete schematische Baukörperanordnung zugunsten besserer Ausnutzung und dadurch einer pittoresk anmutenden Wirkung des Strassenraums überwindet.

 

Vorläufer dieser Flachbebauungen und gleichzeitig ausserhalb der Entwicklung in Wien ist Roland Rainer, unter anderem mit der ikonischen Siedlung Mauerberg vom Beginn der 60-Jahre.

 

4. Typologien: Laubengang, die Zweite

 

Ebenfalls 1991 entstand die strassenbegleitende Bebauung an der Brunnerstrasse von Helmut Richter. Ein Bau, der die damals vorherrschende Wiener Haltung zum Architekturschaffen konterkariert, der den Laubengang als großzügige, ganz bewusst industrielle Materialien einsetzende, skulpturale Erschließungsstruktur - die gleichzeitig Schallschutzfunktion zur lauten Straße übernimmt - in das aktuelle Wohnbaugeschehen zurückgebracht hat.

 

5. Flächenwidmung

 

Bis auf die innerstädtische Bebauung von Holzbauer nahe der äusseren Mariahilferstrasse sind diese Anlagen aber schon aufgrund der geringen Bebauungsdichten (auch der Umgebung) monofunktional, auch was die Konzeption der Strukturen betrifft. Monofunktionale Nutzung ist bekanntlich in der Landwirtschaft nicht förderlich für das langfristige Gedeihen, und was Bebauungen betrifft verhält es sich nicht anders.

 

Im Zuge der Stadterneuerung des "Roten Wien", als Reaktion auf die Widrigkeiten und Zustände in den verdichteten gründerzeitlichen Bebauungen, ist - bei allen Neuerungen und Vorteilen für eine vor allem proletarische Bevölkerung - jedoch auch eine Widmungsform dieser Gründerzeit verloren gegangen, welche die Gebäudenutzung weitgehend offen und dadurch eine durchmischte Stadt ermöglicht hatte: bis ca. 1920 war die Bezeichnung der Räumlichkeiten lediglich "Zimmer", wo auch schon aufgrund der Dimensionen der strassenseitigen Raumfluchten mehr oder weniger alles gemacht werden konnte.

 

6. Der Bauträgerwettbewerb

 

Wien baut seit den 1930-er Jahren konstant mehrere tausend Wohnungen jährlich. Dadurch ist die Kompetenz, wie Wohnbau gemacht wird und was geförderter Wohnbau können muß, extrem hoch entwickelt.

 

Ein bedeutender Schritt nach vorne gelang im Jahr 1996, als vom vom damaligen Wohnbaustadtrat Werner Faymann ein neues und äußerst leistungsfähiges Instrument (trotz aller dabei auftretenden Mängeln) zur Vergabe von Wohnbauförderung und den Grundstücken der Stadt Wien eingeführt wurde (im Gegensatz zu vielen anderen Metropolen verfügt die Stadt Wien über grosse Grundstücksreserven). In diesen neuartigen und vorbildlosen Verfahren werden von Architektinnen und Bauträgern bzw. Genossenschaften im Team baureife Projekte entwickelt, die dann von einer interdisziplinär zusammengesetzten Jury, unter Beteiligung - zumindest in der Frühzeit - hochqualifizierter und angesehener Architekten, beurteilt werden. Entscheidungskriterien sind Architektur, Ökologie, Ökonomie, später noch ergänzt durch soziale Nachhaltigkeit. Diese vier Kriterien sind nicht gewichtet, ein Siegerprojekt sollte tunlichst in allen Kategorien überlegen sein. Da die Stadt den Löwenanteil der für Wohnbau in Frage kommenden Grundstücke besitzt, ist die Teilnahme und der Gewinn eines solchen Wettbewerbs im bedeutendem Umfang Bedingung für die Realisierung eines Projektes im geförderten Wohnbau. Das fördert die Qualität der Projekte.

 

Diese Qualitätskontrolle im Wohnbau ist in Europa praktisch einzigartig und hier ist Wien, auch international betrachtet, Vorbild und die Ergebnisse sind vielbesucht. Eine bedeutende Anzahl unserer Wohnbauten in Wien, die wir bisher verwirklichen konnten, sind (direkt oder indirekt) aus Bauträgerwettbewerben entstanden.

 

7. Erschliessungen

 

Wohnbau ist immer sehr eng mit der Mentalität der jeweiligen Bevölkerung verknüpft - so sind in Wien die Erschließungszonen schon immer (im Gegensatz zu Berlin oder Paris z.B., in London ist im Vergleich zum Europäischen Festland die dichte Bebauung mit Geschosswohnungen historisch praktisch umbekannt) ein Thema - die "Bassena“ als Treffpunkt und Kommunikationsort, die Stiegenhäuser immer natürlich belichtet und oftmals herausragend architektonisch gestaltet. Auch die Wohnungen selbst sind zum Gang hin zusätzlich orientiert und haben dorthin öffenbare Fenster. In den Wiener Altbauten der Gründerzeit ist das Standard und wird baurechtlich (vor allem in Hinblick auf den Brandschutz) als "Konsens" behandelt.



Textfassung gekürzt (ohne eigene Beispiele)

Bettina Götz und Richard Manahl, December 2024