Berresgasse

Schaubild Wohnbau Berresgasse / Wien 22

Wettbewerb "Kriehubergasse", 1. Preis für ARTEC Architekten

Wettbewerb "Kriehubergasse", 1. Preis für ARTEC Architekten cover image

Vorfertigung / Serie / Standard

Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten
Erschienen im Zuschnitt 71, proHolz Austria, Wien, 2018

 

Unser Bauen ist heute mehr denn je geprägt von individueller Formfestlegung bei standardisierter Nutzung und objektbezogener Vor-Ort Herstellung. Die Ansprüche der Benutzer nach räumlich großzügigen Bauten mit geringer Vorprägung der Nutzungsart würden jedoch vielmehr einen zeitgemäßen und adäquaten Umgang mit den heutigen Möglichkeiten der Produktion - nämlich der Herstellbarkeit von hochwertigen, vorgefertigten und damit schnell montierbaren Raumstrukturen benötigen.

 

Denn unsere beliebtesten städtischen Wohnformen sind noch immer die gründerzeitlichen Spekulationsbauten, für ihre Zeit hochgradig standardisierte, nutzungsoffen konzipierte Bauten mit großer Raumhöhe und großzügiger Erschließung. Meist nur eingeschränkt durch Fenster- und Kaminwand weisen die verwendungsmäßig nicht vorgegebenen straßenseitigen Raumnutzungen einen hohen Freiheitsgrad in Längsrichtung auf, und werden hofseitig begleitet von den jeweils zugehörigen Funktionsräumen. Damit - auch unter Berücksichtigung aller hier nicht erwähnten Problematiken - sind im 19. Jahrhundert unsere Städte nachhaltig erweitert worden. Einer der wesentlichen Faktoren dafür, daß das funktioniert, ist die grundsätzliche Offenheit der Strukturen im vorvorigen Jahrhundert, insofern als eine Raumwidmung „Zimmer“ in Wien vor 1930 z.B. sowohl Wohn- als auch Geschäftsräume umfasst hat, eben weil sowohl Raumhöhe als auch Raumzuschnitte dementsprechend neutral gehalten waren. Und vor dieser Frage zur Erweiterung der Stadt stehen wir heute wieder, mit der klaren Erkenntnis, daß diese Offenheit in der Stadterweiterung sowohl des 20. wie auch des bisherigen 21. Jahrhunderts in keiner Weise mehr zugelassen ist.

 

Das zwanzigste Jahrhundert hat im großmaßstäblichen Wohnungsbau auch bei der Thematik der Vorfertigung bedauerlicherweise zu keinen nachhaltigen Lösungen gefunden. So blieben die innovativsten Anstrengungen, das Bauen auf intelligente Weise mithilfe einer neuen Technologie zu standardisieren, realisiert u. a. in Einfamilienhäusern wie den Case Study Houses und in den ikonischen Objekten von Fuller oder Prouvé, fast ausschließlich auf kleine oder kleinteilige Objekte beschränkt. Und so bedeutend die 5 Punkte von Le Corbusier für eine Neudefinition des architektonischen Denkens zum Jahrhundertbeginn sich auswirkten, für eine standardisierte, vorgefertigte Bauweise waren sie nicht gedacht. Schlussendlich triumphierte im Osten wie im Westen die anspruchslose vorgefertigte Betonplatte, wahlweise auch mit Fenster- oder Türloch und einer Raumhöhe von 2,5 Meter.

 

In der Stapelung von vorgefertigten Bauteilen, obwohl diskreditiert durch die massenhaften Betonplattenbauten der 1950er Jahre und danach, die keinerlei Spielräume für Gestaltung oder Raumanspruch ermöglichen, sollte trotzdem der Weg zu einer neuen und brauchbaren Einfachheit zu finden sein: Durch das Übereinanderstellen vorgefertigter Holzmodule, die räumlich und lastabtragend mit Infrastruktur ausgestattet, autonom funktionieren können. Oder durch eine Stapelung von vorgefertigten Decks, freien Flächen, die dann einen Ausbau mit einfachen, nicht lastabtragenden und brandanspruchslosen Bauelementen ermöglichen und somit wiederum den Einsatz vorgefertigter Holzelemente ermöglichen.

 

Während das einfache Aufeinanderstapeln gleicher Einheiten dicht an dicht fast zwangsläufig zu Monotonie nicht unähnlich dem Plattenbau führen wird (schon der dabei verwendete Begriff der „Raumzelle“ ist entlarvend), ist beim offenen Deck mit freier Füllung Varianz und Leerstelle Programm. Durch eine Verwendung von Boxen als Trag- und Infrastruktur, mit dazwischen eingehängten einfachen Deckenelementen für ergänzende, nutzungsneutrale Räume, könnten solche Varianzen auf ähnliche Art auch bei den gestapelten Schachteln erreicht werden. Für eine spätere Um- und Weiternutzung bleiben eben die schon erwähnten Voraussetzungen wie großzügige Raumhöhe und einfacher Veränderbarkeit des Inneren wesentliche Grundbedingung.

 

Einer der wenigen Beiträge in der Hauptausstellung der diesjährigen Biennale, der sich mit Wohnungsbau oder Vorfertigung beschäftigt ist ein Projekt von Michael Maltzan in Los Angeles. Das Projekt zeigt exemplarisch Möglichkeiten und gleichzeitig auch Grenzen der gestapelten Schachteln auf: über einer frei geformten, mehrgeschoßigen Topografie aus Ortbeton, worunter in Bezug zum Straßenniveau allgemeine städtische Funktionen zu finden sind, werden die vorgefertigten hölzernen Boxen zu nachbarschaftlich zusammengefassten Cluster-Türmchen aufgestapelt, und schaffen es so zu einer merk- und identifizierbaren stadträumlichen Figur mit innenräumlichen Qualitäten auch im Bereich der seriellen, gestapelten Raumzellen zu werden.