Althan Quartier Wien 9

Schaubild Althan Quartier / Wien 9

1. Preis Wiener Wohnbaupreis 2019

Anischt in der Wiesen Süd /  Bauteil ARTEC Architekten

Gründe haben

Bettina Götz, ARTEC Architekten
Vortrag bei den Festwochen Gmunden, 16. Juli 2016

 

„Gründe haben“, sagt Franz Schuh, ist der Stolz der Philosophie.

 

Architektur hingegen hat immer weniger Gründe, buchstäblich, und im übertragenen Sinn. Im wortwörtlichen Sinn, das heißt, die Grundstücke sind bald alle, und es gibt eine immer weiter verbreitete Meinung, daß schon bald genug gebaut ist, und es in Zukunft reichen wird, weitgehend den Bestand weiterzubauen.

 

Und der Architektur fehlen die guten Gründe, die Beweggründe, die Begründungen, warum ein Gebäude irgendwie ist.

 

Architektur braucht Inhalt. Was sonst - kann man jetzt sagen, denn natürlich ist „Inhalt“ im Falle von Architektur immer auch Raumprogramm, benennt also taxativ Flächen und Funktionszusammenhänge, aus denen sich als Konsequenz die Größe und damit die Kosten des umbauten Raumes ermitteln lassen.

 

Dann wäre ein Gebäude nur ein gebautes Funktionsschema und unsere gebaute Umwelt wäre wohl ganz schön langweilig.

 

Warum ein Gebäude aber über die Funktion hinaus irgendwie ist, erklärt Josef Lackner zum Beispiel so: „Ideen sollen unser Handeln bestimmen. Die Architektur drückt Ideen aus - oft fehlen diese und man baut trotzdem. In diesem Falle wäre die Idee, es nicht zu tun, die beste.“

 

Wir Architekten brauchen also auch die Theorie, ein zu Grunde liegendes Konzept, also Inhalt im Sinne von Programm, von Vision, von (Er-) Neuerung bestehender Regeln.

 

Nur vor solchem Hintergrund kann entstehen was wir alle schätzen und lieben - nämlich die emotionale Qualität von Raum. Deswegen unternehmen wir Reisen in fremde Länder und Städte und besichtigen überall mit Vorliebe Gebautes - seien es Kirchen, Museen, Wohnbauten, Plätze oder was auch immer.

 

Die Einzigartigkeit und Merkfähigkeit räumlicher Ausprägungen hat jedoch immer auch mit den Wünschen und Forderungen - also mit Inhalt - aber eben auch mit den Mentalitäten ihrer Architekten und Nutzer zu tun. So ist beispielsweise unser Bild von Paris eindeutig unterscheidbar von unserer Vorstellung von London.

 

Weil gebaute Architektur immer an ein öffentliches oder auch privates Baubedürfnis gebunden ist, ist die Beschäftigung mit Inhalt von Architektur essentiell.

 

Besonders, wenn es um öffentliche Bauaufgaben geht, ist die Aufgabe, einen Inhalt, über das simple Raumproramm hinaus zu definieren, anspruchsvoll.

 

Außergewöhnlich gute Architektur entsteht nur, wenn Architekt und Auftraggeber auf Augenhöhe miteinander kommunizieren können. Dazu benötigt auch der Auftraggeber Fachkompetenz - im Speziellen in seiner Funktion als Vertretung der Öffentlichkeit. Nicht nur in einem Kriminalroman kommt der Handlung eine entscheidende Rolle zu, auch im Falle von Architektur ist ein radikales Programm schon „die halbe Miete“.

 

Dafür zuständig ist (auch) die Politik.

 

Denn: “ Architektur kann sich nämlich nicht außerhalb des Systems stellen; zur Realisierung muss sie einen mächtigen Teil der Gesellschaft auf ihrer Seite haben.“ Sagt Hermann Czech.

 

Gründe, Grundstücke entstehen heute im Zusammenspiel zwischen Politik und Raumplanung. Der Städtebau ist uns Architekten abhandengekommen. Raumplaner ohne (inhaltlichen) Plan, geschweige denn einer Theorie, regulieren die politischen und investorischen Bedürfnisse. Beschleunigtes, globales Stadtwachstum findet statt ohne Idee, oder mit Ideen von vorgestern.

 

Dabei müssten gerade die derzeit überall notwendigen Stadterweiterungsgebiete die Kathedralen des 21. Jahrhunderts werden. Wir brauchen neue Stadtzentren höchster räumlicher Qualität, wo wir unsere Zeit verbringen wollen, wo wir extra hinfahren, wie heute zum Beispiel in die Salzburger Altstadt.

 

Nehmen wir New York als Beispiel: ein simples Raster mit Festlegung des öffentlichen Raumes, überlagert mit der Einbindung ortsspezifischer Bedingnisse (Broadway z.B.) und eine stadtgestalterische Minimalfestlegung einer möglichen Bebaubarkeit der Baufelder, hat zu unerwartet eigenständigen Resultaten geführt. Die einzige „moderne“ Stadtgestalt, die bisher zustande gebracht wurde. Einfache Gründe und einfache Regeln können also zu sehr komplexen und äußerst brauchbaren Ergebnissen führen.

 

Das lässt den Faden weiterspinnen, und uns vermuten, daß alle komplexen, im Ergebnis brauchbaren, und vom späteren Nutzer oder Besucher höchst geschätzten Baustrukturen durch im Ansatz jeweils einfache Grundstrukturen und Bauregeln entstanden sind - und nicht durch „Gestaltung“. Städtebau ist also nicht die Definition von Baukörpern, sondern besteht viel eher aus Regeln, wie vielleicht ein Schachspiel. Zukunftsoffen. Unfertig. Wir müssen beginnen aus einem anderen Blickwinkel auf die Fragen von Dichte und Urbanität zu schauen, um die beiden Bestandteile der Stadt - die merkfähige Qualität des Öffentlichen und den Wohnbau - unter einen Hut zu bringen.

 

Den Architekten ist übrigens nicht nur der Städtebau abhandengekommen, sondern, am anderen Ende der Mittel, auch der Möbelbau, die „mobili“, also die große Festlegung und die kleine Beweglichkeit.

 

Was bleibt, ist das ausformulierte und allein gelassene Einzelobjekt. Kein schlechtes Schicksaal, durch die ganze Architekturgeschichte ist das exemplarische Einzelobjekt von eminenter Bedeutung.

 

Über die fehlenden Gründe gehen den Architekten, wenn sie nicht der Meinung sind, alles sei schon gebaut worden, die Grundlagen aus. Das kann im schlechteren Fall zu einem massiven Anstieg der Baudichten führen, im besten Fall führt es vielleicht immerhin zu außergewöhnlichen und kreativen Vorgangsweisen seitens der Beteiligten.